2024-02-22 05:03 AM
Sieht so die Zukunft aus? Die Klima-Ökonomie ist im Aufstieg.
Der Moment geht in die Geschichte ein: Zum Start der Automesse in Shanghai im April 2023 meldeten die Statistiker, dass der heimische Elektroautobauer BYD im 1. Quartal 11 Prozent aller Neuwagen in der Volksrepublik verkauft hat. Damit löste er den deutschen Autobauer Volkswagen als Marktführer ab. Eine Position, die VW lang innehatte. Vier Jahrzehnte, um genau zu sein.
Was Volkswagen in China widerverfahren ist, ist nur eines von mehreren Beispielen, wie die grüne Transformation die Wirtschaft neu sortiert.

In den Niederlanden darf ein Zehntel der Büroflächen nicht mehr vermietet werden, weil die Gebäude nicht die Energieeffizienzstandards erfüllen. Und in Schweden ist die Stromsteuer für Kryptowährungen enorm angehoben worden, weil die Branche zu energieintensiv und damit nicht nachhaltig ist. Die Folge: Für viele Firmen ist das Geschäft nicht mehr attraktiv.
 
Nie zuvor wurde so offensichtlich, wie die grüne Transformation in der Wirtschaft die Karten neu verteilt – Verlierer und Gewinner, Risiken und Chancen produziert.
Jedes Unternehmen wird feststellen, dass es keine Ausfahrt gibt. Es gibt keinen Weg, dem Thema auszuweichen.

Der Klimawandel erzwingt ein Update des ökonomischen Betriebssystems. Wer Treibhaugase ausstoßen möchte, muss dafür bezahlen. Das alleine erhöht die Kosten der fossilen Produktionsweise und verschafft grünen Geschäftsmodellen Vorteile. Die EU will bis 2050 der erste klimaneutrale Kontinent sein.Die Risiken des Übergangs zu einer klimaneutralen Wirtschaftsweise werden auch von Banken und Investoren immer stärker eingepreist. Sie wollen wissen, ob Firmen mit Blick auf eine grüne Wirtschaft zukunftsfähig sind, ob sie die richtigen Produkte, Dienstleistungen und Prozesse haben und ob sie wissen, wie sie ihre Geschäfte gegen physische Klimarisiken wie Wasserknappheit oder Unwetter absichern. Wer diesbezüglich wenig vorzuweisen hat, bezahlt einen Risikoaufschlag bei der Geldbeschaffung – oder bekommt gar überhaupt keine Finanzierung mehr.
 
"Die Value Proposition ist in Teilen zu einer Eco Proposition geworden", analysieren die Trendforscher Harry Gatterer und Stefan Tewes vom Zukunftsinstitut. "Das heißt, die Angebote von Unternehmen besitzen einen tatsächlichen ökologischen Mehrwert, der von den Kunden als solcher verstanden und gekauft wird."Unter Druck setzt das Unternehmen, die in den vergangenen Jahren nicht an einer echten Transformation gearbeitet haben, sondern versuchten, ihren herkömmlichen Produkten ein grünes Mäntelchen umzuhängen, ansonsten aber so weitermachten, wie bisher. Ihnen jagen nun zunehmend echte grüne Innovationen die Marktanteile ab – unterstützt durch eine Regulierung, die Transparenz fördert und Geldströme in grüne Märkte umleitet. Greenwashing wird zu einem echten Risiko für die Reputation und den Wert eines Unternehmens.
 
"Es ist der beginnende Siegeszug eines neuen Ökokapitalismus: Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit finden zueinander", so das Zukunftsinstitut.
Die Finanzmärkte erkennen nachhaltige Investitionen zunehmend als neue Perspektive, die enorme Chancen eröffnet – von der Transformation der Energieversorgung bis zur Proteinforschung.
Mark Carney

Sichtbar wird das auf betriebswirtschaftlicher Ebene in der Governance und der Strategie. Eine klimabezogene Unternehmensführung integriert die Klima- und Nachhaltigkeitsstrategie in die Gesamtstrategie des Unternehmens und beeinflusst Investitionen und Innovationen. Sie bringt neue Produkte und Dienstleistungen hervor und führt dazu, dass stark von fossilen Energien abhängige Geschäfte transformiert oder abgewickelt werden.Klimawandel und Nachhaltigkeit können damit nicht mehr an die Klima- und Nachhaltigkeitsmanager in den Unternehmen delegiert werden. Vielmehr integrieren von der Geschäftsführung über die Abteilungsleitung bis zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern alle Beschäftigten das Thema in ihre täglichen Entscheidungen. Das erfordert nachhaltigen Know-how-Aufbau. Der Klimawandel wird zum Problem aller – und verändert die Weltwirtschaft.
 
Die Klima-Ökonomie ist eine sauberere, widerstandsfähigere Wirtschaft, die zum Erreichen der Klimaneutralität beiträgt – begleitet von einer massiven Reallokation von Kapital und grünen Innovationen. "Die Finanzmärkte erkennen nachhaltige Investitionen zunehmend als neue Perspektive, die enorme Chancen eröffnet – von der Transformation der Energieversorgung bis zur Proteinforschung", erläutert der ehemalige Zentralbankchef und Bankmanager Mark Carney."Ich sehe es hauptsächlich als Geschäftschance", so Nat Bullard vom Analysehaus Bloomberg NEF. "Wir werden große Unternehmen sehen, die sich transformieren. Wir werden die Entstehung neuer Unternehmen sehen, die wegen ihres Fokus auf das Klima groß werden. Und jedes Unternehmen wird feststellen, dass es keine Ausfahrt gibt. Es gibt keinen Weg, dem Thema auszuweichen."
 
"Eine klimaneutrale Welt bis 2050 zu erreichen, könnte sich als größte Kapital-Reallokation der Geschichte erweisen", schreibt die Unternehmensberatung McKinsey. "Mutige, proaktive Entscheidungen zur Nutzung von Klimaneutral-Chancen werden die Gewinne und Marktführer von morgen hervorbringen."


Die Staaten befördern mit Milliardensumme den Aufbau der Klima-Ökonomie. In den USA fließen über den Inflation Reduction Act mehr als 390 Mrd. US-$ in Klimalösungen, die die Dekarbonisierung voranbringen. Die Bundesregierung stellt über den Klima- und Transformationsfonds 211,8 Mrd. € für Investitionen in Zukunftstechnologien und Klimaschutz bereit. Das Geld fließt unter anderen in effiziente Gebäude, die Finanzierung des Erneuerbare Energien Gesetzes, die Ansiedelung von Solar-Produktion, den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft und die Energieeffizienz der Industrie.
 
Der Trend zur Klimaneutralität hat inzwischen sämtliche Branchen erfasst: Auto- und Flugzeugproduzenten, Lebensmittel- und Konsumgüterhersteller, Textil-, Land- und Immobilienwirtschaft, Handwerk und Gastgewerbe, Bau- und Technologiebranche, Wasser- und Energieversorger.Während es rund 70 Jahre gedauert hat, um das erste Terrawatt Solarenergie zu installieren, wird das nächste Terrawatt in lediglich drei Jahren gebaut werden. Dafür werden gewaltige Summen aufgebracht, was auch für andere ökologische Entwicklungen gilt. McKinsey erwartet, dass bis 2050 jährlich 840 Mrd. US-$ in Landwirtschaft und Ernährung fließen werden, um Klimaneutralität zu erreichen. Für die Autobranche beziffert die Beratung das Volumen auf 3,4 Billionen US-$. Der Aufbau von Kapazitäten für die klimaneutrale Zementproduktion könnte im Jahr 2030 rund 60 Mrd. US-$ anziehen.

Immer mehr Großkonzerne und andere Firmen geben sich ambitionierte, wissenschaftsbasierte Klimaziele. Da ein Großteil der Emissionen in vielen Fällen in der Lieferkette anfällt, betreffen diese Ziele unmittelbar auch die Lieferanten oder Dienstleister. Wenn sie weiterhin Geschäfte machen wollen, müssen sie ihre Emissionsdaten kennen und senken. Siemens verlangt inzwischen zum Beispiel von Hotels, in denen die Beschäftigten des Konzerns übernachten, eine Treibhausgasbilanz. Ähnlich gehen Firmen wie Amazon, Adidas oder Aldi vor. So steuern die Großkonzerne die Wirtschaft als Ganzes in Richtung Klimaneutralität.Als grüne Innovatoren treten allerdings längst nicht nur die Großkonzerne in Erscheinung, wie eine Analyse des Umweltbundesamts zeigt. Sie attestiert kleinen und mittleren Unternehmen eine "große Rolle" im Umweltinnovationsgeschehen – und zwar über zahlreiche Branchen hinweg, von der Auto- und Chemieindustrie über die Nahrungs- und Futtermittelbranche bis zum Textil- und Bekleidungsgewerbe.
 
"Vor zwei Jahren drehte sich die Debatte noch darum, Abwehr zu spielen", so Daniel Pacthod, Co-Chef von McKinsey Sustainability. "Aber dieses Spiel ist jetzt ein Offensiv-Spiel."